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Abends im Buchladen

Hugendubel hat uns eingeladen, einer Lesung beizuwohnen. Sebastian Krumbiegel las aus seinem Buch vor – und wir liehen ihm unsere Ohren. Doch nicht jedem gefiel, was der Prinzen-Sänger zu sagen und zu singen hatte.

Es ist zehn vor acht und die besten Plätze sind schon weg. Alexa muss ein Kochbuch kaufen – sie hat erst hundert, also stehen wir noch vor dem Bücherregal. Während Alexa stöbert, kommen immer mehr, die zur Lesung wollen, und besetzen die letzten Plätze. Ich sehe uns schon stehen. «Das hier hat schöne Bilder», murmelt Alexa und blättert verträumt in einem der vielen, vielen Kochbücher. Meine Güte – wer soll all die Rezepte nur kochen? Und wer soll das alles essen? «Das nehme ich», sagt Alexa und trägt stolz ein veganes Kochbuch zur Kasse.

Schnell zur Kasse, dann zur Lesung.

Hannover rules!

Auf einigen Stühlen liegen laminierte Papiere, auf denen RESERVIERT steht. Die sind noch frei. Jetzt möchte ich mal einer sein, der sich so einen Platz einfach schnappt.
Wir sitzen dann ganz hinten, fast ganz hinten – hinter mir sitzt noch eine kleine Frau, und ich glaube, sie murmelt die ganze Zeit, dass sie nichts sieht, nur meinen Hinterkopf. Ich muss mal wieder zum Friseur, merke ich, als sich ihre Blicke in meinen Hinterkopf bohren. Hätte ich mal eine Betäubung genommen, also ein Bier, aber ich trinke Wasser, das ist gesund und sprudelt. Die winzige Frau hinter mir könnte für eine bessere Sicht einfach nach rechts rücken, so wie die Damen neben mir, die schon ein bisschen angetrunken sind. Auf dem Boden stehen leere Weingläser, die sie nur elfmal umwerfen, als sie umständlich ihre Stühle nach durch die Gegend rücken. «Viel besser», bestätigen die Frauen fröhlich. Plötzlich dreht sich eine kurzhaarige Dame um, sie sitzt vor mir, und fixiert mit eiskaltem Blick die rumrückenden Frauen, die ob dieses Anblicks verstummen. «Pssssst!», zischt die Kurzhaarfrisur, dann dreht sie ihren ballartigen Kopf wieder nach vorne. Dort betritt ein Prinz die Bühne, es wird hart applaudiert. «Hannover rules», ruft Sebastian Krumbiegel.

Sebastian Krumbiegel liest, erzählt und musiziert.

Sebastian singt bei den Prinzen und hat nun ein Buch geschrieben über sein Leben in Leipzig, über Courage und so weiter. Es hat bei Amazon erst eine Rezession, äh Rezension, immerhin 5 Sterne. Sebastian ist ein netter Kerl, das merkt man gleich, ein echt sympathischer Typ. «Weil er aus Leipzig ist», erklärt Alexa, die ebenfalls von dort stammt und nun ihre Fettbemme aus dem Stanniolpapier friemelt. «Ich dachte, du bist vegeterisch-vegan?!», muss ich kritisch nachfragen. «Das ist doch veganer Schmalz aus Holz!»

Küssen verboten, alles nur geklaut

Als Kind hatte ich die Prinzen-CD mit dem Schwein drauf. Das eine Lied handelte auch davon, dass man ein Schwein sein muss, in dieser Welt. Schwein sein. Es geht aber auch als Mensch. Küssen verboten fand ich auch ganz ulkig. Ich weiß noch, wie wir das als Kinder mal laut gesungen haben, während welche geheiratet haben. Fanden wir lustig. Haha. Heute ist alles anders, die Welt ist schlecht und ich denke nur noch halbtags komische Dinge. Den Rest der Zeit denke ich an Kredite, Neubaugebiete, Quadratmeter. Erwachsen sein heißt nämlich, dass uns Eltern ständig erzählen, dass wir ein Haus kaufen müssen. Lieber aber zwei oder drei. Aber ich gebe mein Geld lieber für Bücher aus. Und wie war das doch gleich mit der Altersvorsorge? «Pssssst», macht der Ballkopf wieder.

Schweifende Gedanken

Ich stelle immer wieder fest, dass Lesungen nichts für mich sind: Immer wenn jemand vorliest, schweifen meine Gedanken ab, schweben ziellos durch den Raum, ehe sie sich schlafen legen. Ich denke an alles und nichts, denke an Eis, an fluffige Welpen, Sonnenbrillen, dicke Planeten. Nur höre ich nicht zu, wie Sebastian vorliest. Komisch: Als er nämlich zwischendurch frei erzählt, krieg ich das alles mit. Wäre ja fatal, wenn ich normalen Gesprächen nicht folgen könnte. Das beste Eis der Welt ist Haselnuss.

Wenn Sebastian nicht liest oder erzählt, singt er und spielt Keyboard, das da steht. (Ich hatte auch mal eins. Das ging dann kaputt.) Doch bevor Sebastian in die Tasten hauen kann, meldet sich plötzlich ein alter Herr aus dem Publikum und nörgelt laut: «Sollte das hier nicht eine Lesung über Courage sein?» Sebastian schaut den Störer an und erklärt ihm, dass er seinen eigenen Fahrplan habe. «Sie können ja so lange rausgehen.» Es stimmt, auf dem Plakat hatte was von Courage gestanden und Sebastians Buch heißt immerhin Courage zeigen. Doch das Publikum ist auf der Seite des Prinzen, sie haben begriffen, dass der alte Mann auf Krawall gebürstet ist. «Raus mit Ihnen!», ruft einer. Seine Frau muss einschreiten: «Na, Theodor, beruhige dich mal wieder, denk an dein Betonherz.» Der alte Störenfried steht auf, schlendert zur Garderobe, zieht sich an – und geht tatsächlich. Ist genau das Courage? Zu gehen, wenn man’s doof findet? Und das auch laut zu sagen? Könnte aber auch einfach Unhöflichkeit sein, die wir da erlebt haben. «Pssssst», macht die Frau wieder. Dann spielt Sebastian ein Lied, aber nicht Küssen verboten.

Ab nach Hause, ab ins Bett!

Lesungen in Hannover

Der Mix aus Vorlesen, Erzählen und Musizieren hat uns und dem gesamten Publikum gut gefallen. Nur der grummelige Zwischenrufer fand’s halt doof. Die Lesungen finden bei Hugendubel regelmäßig statt, sie kosten 8 oder 10 Euro. Tickets kann man online erwerben. Weitere literarische Lesungen gibt es im Literarischen Salon über den Wolken im Conti-Hochhaus sowie im Literaturhaus Hannover.

Hugendubel Hannover
Innenstadt

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