Stadtflucht
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Stadtflucht: Ausflug ans Steinhuder Meer

Nicht weit von Hannover entfernt liegt ein kleines Meer. Wir sind dorthin unterwegs, gleiten über die Autobahn. Auf der A2 krachen wir zwischen schlingernden LKW in Richtung Nord-West – und stehen dann auf dem Standstreifen.

An der Ausfahrt staut es sich. Vor uns ein Müllauto, hinter uns ein Choleriker, der Geister beschimpft und fast durchdreht. Vielleicht muss er dringend pinkeln, vielleicht wartet seine Affäre auf ihn. Dass er jetzt aufgehalten wird, kotzt ihn richtig an. Falling Down. Dann drängeln sich zwei Omas in ihrem Opel zwischen den Choleriker und uns. Er verschwindet. Langsam bewegen wir uns vorwärts, Meter für Meter in Richtung Meer und kommen irgendwann in Steinhude an.

Das Parken am Steinhuder Meer kostet überall Geld, außer in der Innenstadt – aber da dürfen nur Kurzparker halten. Wir wollen Stunden am Wasser verbringen, also müssen wir zahlen. Doch der Parkscheinautomat versteht nur Kleingeld – und die Geldkarte. «Geldkarte» klingt wie «Telefax». Und wie die meisten Deutschen haben wir keinen Cent auf den Chip geladen, der jede EC-Karte veredelt.

«Alexa, lass doch mal deinen Charme spielen», sage ich und schicke sie zu einem Mann, der gerade sein Auto parkt.
«Hi, können Sie mir einen Fünfter kleinmachen?», flötet Alexa dem Mann ins Gesicht.
Er sieht aus wie Grand Moff Tarkin aus Star Wars.
«Ganz. Sicher. Nicht», sagt GMT und verzieht jede Miene.
Er ist das pure Böse.
Lieber laufen wir zu einer Frau, die äußerst nett reagiert und aus den unendlichen Weiten ihrer Handtasche ein bisschen Kleingeld zaubert und gegen den Fünfer eintauscht. Wir können unseren Parkplatz bezahlen.

Mittagessen im Alter Winkel

Alte Männer sind manchmal verbittert und verfallen deshalb dem Alkohol oder stehen an der Straßenecke und schauen jungen Menschen auf ihre knackigen Pöter. Auch Grand Moff Tarkin steht plötzlich um die Ecke. Huch.
«Mein Kleingeld kriegt ihr nicht!», brüllt er.
Wir erschrecken und gehen schnell weiter; seine kalten Augen starren.

Ausgehungert erreichen wir den Alten Winkel im Alten Winkel. Das Hotel-Restaurant lockte uns mit seiner netten Fassade an und wir nehmen hinter dem Fachwerkhaus im Freien Platz. Laut Website ist der Winkel eines der ältesten Gasthäuser am Steinhuder Meer. Das Essen ist trotzdem frisch – und sehr lecker. Ich entscheide mich für ein Schweineschnitzel nach Wiener Art mit Petersilienkartoffeln (12,50 Euro). Die Panade ist knusprig und das Fleisch kommt aus der Pfanne. Auch als kulinarisches Entwicklungsland weiß ich: Ein gutes Schnitzel kann nicht aus der Fritteuse kommen.
«Ich nehme die italienischen Nudeln», sagt Alexa.
«Die sind aber voller Knoblauch», warnt die nette Bedienung.
Als ich sie später nach Ketchup frage, zupft sie zwei Tütchen aus ihrer Bauchtasche. Normalerweise muss ich zähe Verhandlungen anstrengen, um Ketchup zu kriegen – der dann trotzdem 70 Cent kostet. Im Winkel gibts ihn gratis.

Als wir fertig sind und ich bezahle und sage: «Stimmt so!», sagt die Bedienung «Äääh» und schiebt ihre Unterlippe nach vorne.
«Das reicht nicht», sagt sie und zeigt mir die beiden Scheine, die vor einigen Sekunden noch in meinem Portemonnaie ruhten.
«Ups, ja, da fehlt einer», sage ich. «Einen Versuch war’s wert, hehe.»
Dann gehen wir pünktlich zur Mittagspause, denn um 14:30 Uhr macht das Restaurant Siesta. Und wir brechen auf, wollen endlich unsere Füße ins Süßwasser tunken.

Alter Winkel
Alter Winkel 8
31515 Steinhude

4 Kommentare

  1. oliver sagt

    sehr charmant geschrieben – als erstes lerne ich daraus, während der ferien in niedersachsen ums steinhuder meer einen ausreichend großen bogen zu schlagen. hat der winkel zufällig in der nebensaison auf?

    • Hey Oliver,
      wahrscheinlich sollte man die A2 derzeit generell meiden, bei den Baustellen und Staus und Unfällen. Ich würde sagen, der Winkel hat immer auf. Das Steinhuder Meer ist nämlich so toll, dass die Leute sogar im tiefsten Winter hinfahren!

  2. oliver sagt

    wir waren nun dieses wochenende da und unser erlebnis war etwas anders. der service ist schnarchlangsam, wenn auch sehr, sehr freundlich mit einem leicht schnoddrigem charme, der in der region wohl üblich ist. wir hatten das obig erwähnte schnitzel, das matjesfiletund das hähnchenbrustfilet. in summe hatte das essen das niveau einer autobahnraststätte.

    wirklich überflüssig war aber eine kleine kapelle, die plötzlich auftauchte und mit zwei quetschkommoden und einer orientalischen (!) trommel unerträglich jede unterhaltung gekillt haben. wir sind blitzschnell mit vielen anderen gästen wieder weg.

    lustig war allerdings, dass die menschen dort ernsthaft glauben, aufgehängte packpapierknäuel würden wespen vertreiben – wir haben sehr gelacht.

    • Och, offenbar kennst du Autobahnraststätten nur aus Erzählungen! Sonst wüsstest du, dass Autobahnraststättenschnitzel so ziemlich das mieseste sind, was rastende Autofahrer unterwegs zu sich nehmen können. Gut, das stimmt nicht – Fertigfrikadellen sind noch schlimmer.

      Hast du dem schnecklichen Service deine Meinung auch verraten?

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