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Sonntags im Landesmuseum

Das Landesmuseum in Hannover ist besonders für Kinder ein großer Spaß – zumindest war es das für mich immer gewesen. Und wie sieht das heute aus?

In der Vorhalle stehen zwei ältere Damen mit ihren Ehemännern, die mit verschränkten Armen auf Hilde warten, die noch ihren Mantel verstauen muss. Man überbrückt die Wartezeit redend, das schlechte Wetter dominiert die Konversation. Dann Krankheiten. Derweil toben drei Kinder umher, kreischend und kerngesund.

Draußen benetzt leichter Regen die Wimpern. Es ist einer dieser trüben Sonntage, an denen man am besten im Bett bleibt – oder ins Museum geht. Also stehen wir jetzt hier. Stehen an, stehen hinter einer Frau, die hinter einem Mann steht, der hinter einer Frau steht, die mit dem Mann an der Kasse diskutiert. Ich weiß nicht, um was es geht, aber der Herr an der Kasse ist sichtlich bemüht, Contenance zu bewahren. Hinter uns spüren wir Unruhe und Ungeduld: Eine Frau mit Rollköfferchen will endlich ein Ticket kaufen.
«Warum dauert das denn so lange?», murmelt sie genervt, zappelt hin und her, meine Güte, gehts denn mal weiter?
Geht es nicht. Wir stehen still.

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Um die Wartezeit zu überbrücken, erzähle ich von früher. Alexa leiht mir ein Ohr, mit dem zweiten hört sie Musik. Im Museum habe ich als Kind am liebsten die Moorleiche angeguckt, den Roten Franz. Zu ihm wollte ich immer so schnell wie möglich. Immer gleich zum Highlight.
Im Landesmuseum haben wir früher auch pädagogisch wertvolle Geburtstage gefeiert, aber nie meinen. Ich weiß noch, wie sie die Schlangen aus ihren Terrarien geholt haben und einem Geburtstagskind um den Hals legten – dann hat Jan geheult und seine Eltern bereuten, nicht zu McDonald’s gegangen zu sein.

Nach einigen Minuten gibt die Diskutantin an der Kasse endlich auf und verschwindet, wird zu einer Erinnerung. Der Mann an der Kasse kann endlich mit den Augen rollen. Wir lachen und zahlen je vier Euro; so viel kostet der Zugang zur Dauerausstellung. Wir wollen Knochen sehen und Dinos und alte Steine. Und Franz!

NaturWelten

Wir haben unsere Jacken in einem der schmalen Schränke verstaut und begeben uns als erstes in die «NaturWelten».
Wie sich hier alles verändert hat! Es sieht so anders aus – so modern. Wenn ich an früher denke, habe ich diesen bestimmten Geruch in der Nase: etwas muffig und etwas staubig. Und alles war bräunlich. Beige. Heute rieche ich gar nichts und alles ist blau. Nur das große Aquarium sieht aus wie damals. Darin schwimmen Fische, hoch und runter, hin und her. Als hätten sie es eilig: Termine, Termine.
Fasziniert schaut ein Junge in das künstliche Blau, schaut den kleinen Fischen hinterher. Sein Vater erklärt geduldig, was da zu sehen ist. Ich finde Fische ein bisschen langweilig, auch wenn sie bunt sind und blubbern.
«Wo sind denn die Spinnen?», frage ich, aber niemand antwortet.
Die Spinne sitzt unter einem Stück Holzrinde. Sie schaut mich an. Sie ist schwarz und groß, hat einen dicken Körper. Ein Alptraum. Würde sie in meinem Wohnzimmer unter dem Schrank hervorkriechen – ich würde die Wohnung in Brand setzen und ausziehen, die Stadt verlassen, das Land, den Planeten. Schnell weiter, schnell zu den Vögeln, den Pinguinen, den Dinos.

Wir erreichen den T-Rex-Schädel mit verbogenem Kiefer. Immer wieder ist es eine kleine Enttäuschung, wenn ich neben einem Exponat «Abdruck» lese. Statt Knochen ist das Gips, der vielleicht zehn Jahre alt ist – und nicht 66 Millionen. Auch der riesige Schädel ist ein Abguss, ist eine Lüge. Als Kind war mir das egal, ich hab’s ja nicht gewusst und hab nur gestaunt. Diese Naivität ist weg, mein Kopf weiß alles besser. War wenigstens die Moorleiche echt? Echt-Franz? Fake-Franz?

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«Schaaaatz, hast du meine Socken gesehen?»

MenschenWelten

Wir gehen nach oben, in den 1. Stock, biegen in den linken Flügel ab, der die Dauerausstellung beherbergt. Der Wachmann am Eingang schaut auf unsere Tickets, nickt. «Das Fotografieren ist ohne Blitz erlaubt», sagt er noch.
Auch hier sieht alles anders aus. Nur ein paar Dioramen erkenne ich wieder. In ihnen leben kleine Steinzeitmenschen, die in nachgebauten Landschaften speisen und das Feuer entdecken. Ich könnte sie stundenlang betrachten.
Aber wir gehen weiter, reisen in der Zeit: Vorne die Anfänge der Menschheit, weiter hinten Werkzeuge aus Stein, aus Eisen, aus Gold. Eine große Tröte, viele Münzen.

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Die Knochenreste einer Frau stammen aus dem 2./3. Jahrhundert. Mit der Leiche wurde auch ein römischer Elfenbeinkamm verbrannt – er war schon zu Lebzeiten der Frau eine Antiquität und über 100 Jahre alt.

Wir begegnen der eiligen Frau aus der Schlange wieder. Ihr geöffnetes Rollköfferchen liegt wie ein erlegtes Tier am Boden. Aus ihm erstrecken sich Hosen, Blusen und Kleider wie ausgeweidete Gedärme in alle Richtungen. Will die Frau hier übernachten?
Nein, sie sucht ihr Halstuch, «es muss hier irgendwo sein.»
Dann kommt uns ein kleines Mädchen entgegen. Alexa lacht los.
«Lachst du das arme Kind aus?!»
«Das Mädchen hat ihr Kleid falschrum an! Vorne sind die Knöpfe, hinten die Taschen.»
Da war wohl der Vater fürs Anziehen verantwortlich gewesen.

Eine Mutter, die das Anziehen besser kann, versagt jedoch bei den vielen Fragen, die ihr neugieriges Kind stellt. Sie ist eine Mutter ohne blassen Schimmer. Die kleinen Schilder neben den Exponaten helfen zwar, können den Wissensdurst des Kleinen aber nicht stillen.
Andere wollen überhaupt nichts mehr wissen, sondern nur noch woanders sein.
«Mir ist laaaangweilig», gibt Torben-Maria-Lara quäkend zu.
Sein Bruder Uwe ist schon weiter und schläft friedlich unter der Vitrine. Über ihm liegen römische Münzen.

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Plötzlich ertönt ein trockenes Stöhnen – und es bricht Panik aus! Aufgeregte Menschen kommen uns entgegen gelaufen, stolpern und türmen, reißen ihre Kinder an ihren Ärmchen mit sich. Und dann sehen wir den Auslöser für die Flucht: Es ist der Rote Franz, er ist auferstanden und hält ein römisches Schwert in seiner knochigen Hand, das er sich aus der Vitrine genommen hat.
«Echt-Franz will sich rächen, weil wir ihn jahrelang beglotzt haben!», sage ich.
Ich versuche, loszulaufen, doch ich komme nicht vorwärts, meine Beine sind endlos schwer, und Franz kommt immer näher, ich kann seinen muffigen Atem spüren und dann hebt er das Schwert und–

Ich wache auf.
Alexa schaut mich an.
«Bist du eingeschlafen?!», fragt sie.
Wir sitzen plötzlich im Museums-Café.
Ich brauche einen Espresso, einen doppelten.

Landesmuseum Hannover
Willy-Brandt-Allee 5
30169 Hannover

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