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Glühwein-Time auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover

Wenn Mitte November vor dem Mäntelhaus Kaiser das Frohe-Weihnachten-Tor aufgebaut wird, weiß man: Bald startet die Weihnachtsmarktsaison. Tourismusunternehmen schiffen Menschen aus aller Welt zur Attraktion schlechthin, endlich kommen die Selfie-Sticks mal wieder zum Einsatz. Winzer preisen Qualitätsglühwein an, andere Stände vertreiben Deko, Käse oder Tee. Auch für uns darf ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover nicht fehlen. Julia schlägt vor, unsere Weihnachtsmarktrunde an der Markthalle zu starten.

Ich wohne nun schon seit zwei Jahren in Hannover, doch diese «Markthalle» ist mir immer noch ein Mysterium. Dabei wurde sogar eine Bahnhaltestelle nach ihr benannt. Oder war es umgekehrt?
«Daniel, wo genau ist eigentlich die Markthalle?»
«Hier, schräg gegenüber von Decius, da ist so ein grauer Klotz», antwortet er und drückt den Zeigefinger aufs MacBook-Display.
Ich whatsappe Julia zurück: «Da bei Decius?»
Meine Unsicherheit merkend antwortet sie: «Am besten dann bei der Sparkasse.»

Weihnachtsmarkt Hannover

Klötze über Klötze

Ich bin etwas eher da und nutze die Zeit, um mich auf die Suche nach der Markthalle zu begeben – fürs nächste Mal. Doch bevor ich sie zwischen den anderen grauen Klötzen identifizieren kann, schweben Julia und Raissa um die Ecke.
«Ich hole mir noch schnell einen Kaffee bei Balzac», singt Julia und verschwindet hinter den Schwingtüren.
Mittlerweile hat auch Sandra uns entdeckt und wir sind vollzählig.

Von der Kirche ins Dorf

Sodann starten wir unsere Weihnachtsmarktrunde an der Marktkirche. Es ist 17 Uhr, noch ist die Altstadt nicht überfüllt und die Luft ist angenehm kalt. Weihnachtsbeleuchtungen erhellen den pechschwarzen Himmel, ein Vater pfeift seinen Sohn zusammen.
«Klaus-Niklas, geh mal einen Schritt schneller! Und Füße hoch!»
Langsamen Schrittes bewegen wir uns Richtung Ballhofplatz, vorbei an der BarCelona und dem Café Glücksmoment. Dort befindet sich das finnische Dorf. Ins Auge fallen ein großes Tipi (was hat Finnland mit Tipis zu tun?) und Lichterschläuche, die sich um Äste schmiegen. Das Teestübchen hat noch geöffnet und sticht mit eigener Weihnachtsbeleuchtung zwischen Buden und Menschenmassen hervor.

Weihnachtsmarkt Hannover

Gefährliche Trinkschokolade

Raissa hat Durst auf einen Kakao, von dem ich ihr abrate.
«Ich habe mal gehört, dass Kakao aus diesen Maschinen totale Bakterienschleudern sind. Der aufgewärmte Kakao hat die optimale Temperatur für einen Nährboden!», tadele ich.
Julia schlägt alternativ einen Glögi vor. Raissa ist überzeugt und bestellt die finnische Version eines Glühweins. Ob es mein wissenschaftlicher Vortrag war oder der Gruppenzwang, Alkohol zu trinken, weiß ich nicht. Ich bestelle einen Glögi mit einem Schuss Heidelbeerlikör für 4€. Teuer – aber lecker.

Glögi mit Heidelbeerlikör

Glögi mit Heidelbeerlikör

Knobibombe zum Abendbrot

Wir ziehen weiter auf der Suche nach etwas zu essen. Mittlerweile haben sich mehr Menschen auf dem Weihnachtsmarkt zusammengefunden und die Schieberei beginnt.
«Schaaaaaalke, Schaaaalaaalalaaa!», schallt es auf mein Trommelfell und ich bemerke den stark alkoholisierten Schalke-Fan, der von einem Podest zu seinem Pöbel grölt.
Auf dem Mittelaltermarkt werden wir schließlich fündig. Zum Abendessen gibt es heute Knobibrot mit Grillkäse für 6€. Den Belag (Krautsalat, Gurken, Peperoni & Co.) kann man sich nach Belieben auf die Stinkbombe legen. Es riecht nach der Feuershow, die in unserem Augenwinkel stattfindet. Eine Mischung aus Spiritus und Verbranntem.

Der Weihnachtsmarkt fordert seinen Tribut

Die Menschenmassen tragen uns zurück und vorbei an mittelalterlichen Ständen. Unsere Vierergruppe wird auseinander gerissen, doch ein Stehenbleiben ist nicht möglich. Selbst das Atmen fällt schwer, es wurden auch schon ein paar Kinder platt getrampelt.
Auch Klaus-Niklas ist unter den Opfern und liegt heulend am Boden. Sein Vater steht neben ihm, die Hände zu Fäusten geballt.
«Was bist du eigentlich für ein Weichei? Steh auf, du Mädchen!»
Klaus-Niklas kämpft sich mit aller Kraft nach oben. Durch seine aufgequollenen Augen übersieht er ein Kabel und fällt erneut. Der Vater kapituliert, er will endlich zur Feuershow.

Weihnachtsmarkt Hannover

Verrückte Mandeln

Nach Luft ringend rette ich mich an die Gebrannte-Mandeln-Bude Michels, die mir Unterschlupf gewährt und eine Stärkung anbietet.
«Probier mal», sagt das Mädchen im Kartoffelsack und hält mir eine Butter-Mandel entgegen.
Butter-Mandel klingt immerhin vertrauenswürdiger als Orange-Ingwer oder Chili-Mandeln und ich erwerbe eine 100-Gramm-Packung.
«Drei Taler und fünfzig», fordert die Mandel-Verkäuferin.
Ich beklage mich über die mangelnde Beleuchtung und fühle mich wie die Oma beim Rewe, die dem Kassierer ihr Portemonnaie reicht: «Nehmen Sie das Geld mal heraus, meine Augen sind doch so schlecht.»
Doch das Kartoffelsack-Mädchen entgegnet nur: «So ist das eben bei uns im Mittelalter.»

Nicht alle Wünsche werden wahr

Wir stürzen uns Mandeln mampfend zurück in den Menschenstrom und landen schließlich beim Wunschbrunnenwald. Ich quetsche mich durch den Seiteneingang und checke die Lage.
«Keine Chance. Zu voll.»
Mein Po ist kalt und außerdem läuft uns die Zeit ein wenig davon. Denn auch auf uns wartet noch ein Tribut. Und zwar im CinemaxX, wo gleich die Tribute von Panem in die letzte Runde gehen. Wir tauchen zurück in den reißenden Strom, der uns Richtung Raschplatz schiebt.

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Hannover ist Alexas Wahlheimat - und sie will hier auch gar nicht mehr weg. Sie ist immer auf der Suche nach charmanten Geheimtipps, inhabergeführten Läden und vegetarischen Köstlichkeiten.

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