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Luft, Liebe und Pizza bei Francesca & Fratelli

Außer auf der Limmerstraße gibt es neuerdings auch in der Nähe der Altstadt ein Francesca & Fratelli. Wir haben uns von der Pizza-Manufaktur anlocken lassen.

Ihr könnt euch irgendwo dahinten hinsetzen», sagt ein junger Mann mit schwarzen Haaren und braunen Augen; vielleicht ist er Fratelli*, überlege ich. «Bis 20 Uhr ist der Tisch frei.» Es ist Samstag, kurz vor 18 Uhr. Wir haben eine kleine Shopping-Tour durch Hannovers Innenstadt hinter uns, und jetzt sind wir hungrig und durstig und geschafft. Wir entscheiden uns für zwei Plätze an einer der langen Tischenreihen. Hier steht Tisch neben Tisch, Stuhl neben Stuhl. Im Francesca & Fratelli sitzen Fremde neben Fremden.

Am Tisch an der Wand sitzt ein Ehepaar. Sie haben beide studiert und lesen viel. Der Mann trägt eine runde Brille, er unterrichtet Deutsch und Philatelie am hiesigen Gymnasium und seine grauen Haare sind ein bisschen struppig vom vielen Nachdenken. Seine Frau nennt ihn deshalb gerne «Struppi» und schlürft am Weißwein, dann begrüßen sie uns einstimmig: «Guten Abend!»

Wir sind an Tisch 11 gelandet, neben uns sitzen das Ehepaar an Tisch 5. Links neben uns steht Tisch 78 620, der ist noch leer, wir können uns erst mal ausbreiten. Ich lege mein dickes Portemonnaie auf den Tisch, damit ich nicht drauf sitzen muss und alle denken: «Guck mal, der Mann da ist offenbar reich – schön für ihn!» Doch es ist nicht prall wegen der vielen Geldscheine, sondern wegen der 1-Cent-Münzen, die sich im Kleingeldfach türmen, als würden sie einen Ausbruch planen.

Wie im Mio Mio liegen die Menükarten als Tischdeckenersatz auf den Tischen. Das ist praktisch, denn ich kann sofort loslesen. Auf den ersten Blick gibt es hier nur Pizza, Nachtisch – und Frühstück. Draußen auf der Tafel ist aber auch ein Pasta-Gericht notiert, das sehe ich jedoch erst beim Gehen, als mein Bauch schon voll ist.

Speisekarte Francesca & Fratelli
Alexa sucht nach Pizza.

Wir sitzen mitten in Gesprächen, im Geplapper, im Schweigen und im Schmatzen. Männer schlürfen ihre Biere, Kinder ihre Fantas. Und die Messer quietschen auf den Tellern.
«Die sollen mal neues Besteck kaufen», sagt Alexa und hält sich die Ohren zu.
«Wie sollen wir so eine Unterhaltung führen?», sage ich.
«Häääh?», macht Alexa.
«Mein Struppi und ich reden manchmal tagelang nicht miteinander, wir kommunizieren dann auf einer non-verbalen Ebene, so rein körperlich», schwafelt die angetrunkene Ehefrau neben mir, schwipsend und giggelnd. Beim Kellner ordert sie noch einen okayen Weißwein, Struppi will die Rechnung. Im Francesca & Fratelli zahlen die Gäste aber vorne an der Kasse, wenn sie gehen.
Ich bestelle eine Margherita mit Parmesankäse und Rucola, Alexa wählt eine Pizza mit viel, viel, viel, vier Käse.
Der Kellner notiert sich das alles, was ungewöhnlich lange dauert. Als würde er eine nette Karikatur aufs Blatt pinseln.

Italiener Hannover Innenstadt
Im Steinofen lodern die Flammen, die Pizzas knusprig machen.

Neben uns nehmen an Tisch 78 620 ein Mann und seine Tochter Platz; sie sehen sehr gepflegt aus, wie Schauspieler. Er trägt einen beigen Gant-Pullover und darunter ein Hemd. Er ist ein Vater mit Stil. Seine Tochter hat ein knallgrünes Oberteil an. (Sie trinkt mit ihren Freundinnen gern Hugos.)
«Ist ja hier wie in der Schanze», sagt der Vater und setzt seine Lesebrille auf, um die Speisen zu entziffern.
Seine Tochter hat die Brille schon auf, so ein schwarzes Hipstergestell, wie in der Schanze. Schnell setzen die beiden ihre Bestellungen ab und schon wenige Minuten später bekommen sie zwei Pizzen an den Tisch geliefert. Wir weinen leise, denn wir waren doch vor den beiden hier, bestellten vor langen Weilen schon – und wir sind ausgehungert vom Einkaufen und vom Leben.
Der Vater der grünen Tochter sieht das Elend neben sich und kann es nicht ertragen.
«Wollt ihr was von meiner abhaben?», fragt er.
«Nee», sage ich, «da sind Zwiebeln drauf.»
«Magst du nicht?»
«Nee.»
Diese Information müssen die Lauschenden erst mal sacken lassen. Es herrscht akute Stille.
«…»
«…»
«Also, ich kümmere mich mal um eure Pizzen», sagt der Vater schließlich, dann ruft er den Kellner herbei, der sofort angelaufen kommt.
«Jaaaa?», flötet er.
«Die beiden hier haben vor einer Weile Pizzen bestellt – wo bleibt die denn, junger Mann?»
«Pizza», wiederholt der Kellner, als höre er das Wort zum ersten Mal.
Tatsächlich ist unsere Bestellung in Vergessenheit geraten, wie sich dann herausstellt! Wäre der Vater des grünen Mädchen nicht aktiv geworden – wir säßen immer noch dort, wären verhungert.

Hannover Innenstadt Pizza
Pizza Margherita mit Rucola und Parmesankäse.

Pizza Lahmacun

Eine Tischreihe weiter rollt eine Frau ihr Pizza zu einer Art Lahmacun zusammen. Das ist eigentlich praktisch, andererseits aber ein kulinarischer Fauxpas. Vielleicht. Ein anwesender Italiener müsste das jetzt mal erläutern, aber die sind hier alle auf der Suche nach unserer verlorenen Pizza.
Später trinken wir zwei Cappuccini, ich habe gelesen, dass Italiener den nur morgens trinken. Francesca schüttelt den Kopf, diese Deutschen!

«Wir gehen dann mal, ich muss noch ein paar Arbeiten korrigieren», sagt der schlaue Oberlehrer von Tisch 5 und steht mühsam auf. Sein kleiner Bauch drück von innen gegen seinen Pollunder.
«Guten Abend!»
Lange bleibt Tisch 5 nicht leer: Eine Familie setzt sich hin, es ist ein junges Paar mit zwei zappeligen Jungs, die sich gar nicht entscheiden können, ob sie lieber Salami-Pizza wollen oder Schinken-Pizza.
«Au jaaa, beide!», trällern die Jungs einstimmig und der Vater seufzt. Na gut.

Birra Moratti Limone Hannover
Limone, Limone!

Und dann sind sie da: unsere Pizzen! Eine Frau trägt sie herbei, balanciert sie zu uns rüber, sie sieht mit ihren schwarzen Haaren sehr italienisch aus. Prego!
«Guten Appetit», sagt der fürsorgliche Vater, dem wir so vieles zu verdanken haben, und ich vergesse das Gegenstück dazu – es hätte «Danke» geheißen, aber ich mache nur ein Geräusch ohne semantischen Wert. Es ist ein Klang, den Menschen beim Einschlafen von sich geben. Der Vater akzeptiert das trotzdem und nickt kauend, jetzt ist alles gut.
Irgendwie ist dieser Vater jetzt auch unser Vater. Er ist ein Kümmerer, der seine Kinder auch nach der Scheidung nicht im Stich lässt.

Neben uns sitzen glückliche Kinder, die bei Tisch spielen dürfen. Der Junge hat seinen Spielkoffer dabei, den er nun aufklappt, um die Feuerwehr- und Polizeiautos auf dem Tisch zu verteilen. Sein Bruder malt derweil Drachen an; die Buntstiftfarbe geht total über die schwarzen Linien drüber.

Italiener Hannover Innenstadt.
Die Buchstaben werfen dramatische Schatten.

Geschmacksurteil

Die Pizzen kommen aus dem Steinofen und sind (deshalb) sehr lecker. Leider hat mein Teig keine großen Blasen geworfen, die finde ich besonders deliziös, wegen der eingeschlossenen Luft und Liebe. Die Blasen haben auch weniger Kalorien.
An den Rändern ist meine Pizza ein bisschen trocken, sie hätte ruhig etwas mehr Tomatensoße vertragen. Alexas Pizza war schön saftig, aber «einen Tick zu käsig». Wir essen trotzdem alles auf.
«Dann gibts ja nun gutes Wetter», sagt der Papa der beiden Kinder in einem pädagogischen Ton, der ein bisschen in den Ohren brennt. Zur Belohnung dürfen wir uns ein Polizeiauto ausleihen. Und dann spielen wir und malen gruselige Drachen an.

ÜbrigensFür das Pizzaglück in den eigenen vier Wänden findet man in Eingen lokalen Supermärkten (z.B. Edeka) den Francesca & Fratelli-Pizzateig. Schmeckt auch in der Vollkornvariante total lecker und fast wie in Italien.

Francesca & Fratelli
Seilwinderstraße 2
30159 Hannover

2 Kommentare

  1. Johanna sagt

    Hallo Daniel,

    einen schönen Blog habt ihr! Kompliment!

    Ich wollte nur eben anmerken, worüber ich gerade beim Lesen gestolpert bin – Fratelli heißt „Brüder/Gebrüder“ auf italienisch und ist kein eigener Name… 😛

    Liebe Grüße!

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